Die Wochendämmerung

Mit Katrin Rönicke & Holger Klein

#112. “Puerto Rico ist eigentlich eine Kolonie”

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Wir hatten wieder einmal viel zu besprechen: In dieser Woche geht es um Puerto Rico und seine seltsame Sonderstellung innerhalb der US; den Massenmord in Las Vegas; das Referendum in Katalonien; Neues aus der Konfliktforschung; die Firma von Karl-Theo und ein Tattoo, das in Zukunft Diabetes-Kranken helfen könnte.

Shownotes

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Kapitel:

  1. Intro und Begrüßung 0:00.000
  2. Rodrigo Duterte 0:38.790
  3. Donalds Woche 1:53.114
  4. Katalonien 19:39.294
  5. Konfliktforschung und Abgrenzungsmotive 22:47.245
  6. Die AfD-Fraktion schrumpft weiter 28:58.634
  7. nicht ganz sauber… – Guttenberg 30:27.200
  8. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil 36:07.811
  9. die Wissenschaft hat festgestellt 37:14.491
  10. In eigener Sache 40:23.713

14 Kommentare

  1. Die Morgenpost-“Recherche” ist unfassbar schlechtes journalistisches Handwerk, und die Trittbrettfahrerei vieler Outlets ebenso. Dazu muss man KTG noch nicht mal gut finden.

    Eine schnelle LinkedIn-Suche alleine ergibt schon 13 Leute, die Spitzberg Partners als Arbeitgeber angegeben haben, darunter tatsächlich auch welche in Zagreb und Toronto. Dass “Büros” gerade im Beratungumfeld gerne auch mal nur aus einer Person, einem “Repräsentanten”, bestehen, ist usus. Abgesehen davon, dass sich der Morgenpost-Journalist nicht mit Unternehmensrecht auszukennen scheint, ist es außerdem weder verboten noch unüblich, nicht sämtliche Kontaktdaten eines Unternehmens online aufzulisten. Machen noch nicht mal DAX30-Konzerne. Wahnsinnig viel heiße Luft um nichts. Man wollte wohl was finden, konnte nichts finden, und hat dann “keine Story” zur Story gemacht. Da frage ich mich schon fast, wer die “Recherche” in Auftrag gegeben hat…

    Legitime Recherche wäre für mich eher gewesen, mal rauszufinden, was KTG in seiner Zeit als Berater von Neelie Kroes tatsächlich getan hat.

  2. Liebe Wochendämmerung,

    Zu Katalonien habt Ihr allem Anschein nach erheblichen Informationsbedarf, denn das Thema geht weit über „die sind reich und wollen nicht teilen“ hinaus.
    Es hat ganz zentral mit der Frage zu tun, was Spanien für ein Selbstverständnis als Staat hat. Einfach mal zwei Millionen Europäer (so viele haben mit „Ja“ gestimmt) als von Demagogen gelenktes nationalistisches Stimmvieh abzutun, reicht da nicht.

    Also hier ein paar Anregungen:

    Geschichte

    Natürlich gibt es einen geschichtlichen Hintergrund. Katalonien hat eine lange Geschichte als eigenständiger Staat, die bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht. Die Unterdrückung dieser Eigenständigkeit hat ebenfalls eine lange Geschichte, eine wichtiger Wendepunkt war aber sicherlich die Einführung der „Decretos de Nueva Planta“ ab dem Jahr 1707, mit denen die politische Eigenständigkeit der Katalanen de facto aufgelöst und das Katalanische als Verkehrssprache verboten wurde. Die Katalanen haben immer wieder versucht, ihre Eigenständigkeit wiederzuerlangen, zuletzt unmittelbar vor dem Spanischen Bürgerkrieg 1931.
    Mit der Franco-Diktatur kam dann ein Verbot der Sprache und Kultur, dass erst in den frühen 1970ern etwas gelockert wurde.

    Franco betrieb in den 50er und 60er eine Bevölkerungspolitik, die darauf abzielte Katalonien zu „spanifizieren“. Menschen aus ganz Spanien kamen und siedelten sich in Katalonien an, alles katalanische wurde mit Regierungshilfe massiv zurückgedrängt. Interessanterweise sind es Heute oft die Kinder dieser Binnenmigranten, die sich am deutlichsten zur Unabhängigkeit bekennen.

    Mit dem Tod Francos begann in Spanien die sogenannte „Transicion“. Böse Zungen behaupten, dass damit den bestehenden Machtverhältnissen ein demokratischer Anstrich gegeben werden sollte. „Die Spanier“ durften dann konsequenterweise 1978 über eine neue Verfassung abstimmen, die auch in Katalonin mit großer Mehrheit angenommen – kaum verwunderlich, dass damals – unmittelbar nach 40 Jahren Diktatur – eine echte Unabhängigkeit für die Menschen noch gar nicht auf dem Radar war (und auch nie als ernsthafte Alternative in einem demokratischen Dialog aufs Tapet gebracht wurde).

    Die den Katalanen 1978 zugestandene Autonomie war um wichtige Bestandteile beschränkt. Dies führte – übrigens unter einer sozialistischen Zentralregierung – 2006 zur Vereinbarung eines neuen Autonomiestatuts, mit dem Katalonien nahezu den gleichen Rechtsstatus wie das Baskenland erreicht hätte. Dieses Autonomiestatus wurde (pikanter Weise in einem Referendum) von fast 80% der katalanischen Wahlberechtigten bestätigt. Leider begann danach die spanische Partido Popular (also die spanischen „Konservativen“) einen regelrechten Feldzug gegen das „Estatut“ und ließen das Verfassungsgericht die Autonomie Schritt für Schritt wieder demontieren – bis 2010 eigentlich kein „Estatut“ mehr übrig war. Für die Katalanen war das ein Schlag ins Gesicht und der Beginn der Unabhängigkeitsbewegung, die dann Jahr um Jahr stärker wurde.
    Die konservative Zentralregierung in Madrid blockiert seitdem jedem noch so kleinen Ansatz eines Dialoges mit den Katalanen. Stattdessen wird auf oftmals fragwürdige Weise das Verfassungsgericht angerufen, um katalanische Gesetzesvorhaben zu blockieren.
    So wurde z.B. das vom katalanischen Parlament verabschiedete Verbot des Stierkampfs in Katalonien als Verfassungsbruch einkassiert. Genauso erging es einem Gesetz, das Energieversorger verpflichtet, zahlungsunfähigen Bürgern ein Minimalkontingent an elektrischem Strom und Gas zur Verfügung zu stellen, um die „Energiearmut“ zu bekämpfen. Oder einem Gesetz, dass Fracking verbietet. Oder einem Gesetz, dass es Banken verbietet, zahlungsunfähige Hypothekenkunden einfach aus Ihren Wohnungen zu werfen. Oder einem Gesetz, dass Katalanisch als Unterrichtssprache in Schulen festschreibt…

    Katalanen, Franco und der Rest von Spanien

    Hier ein paar kleine Geschichten, die das angespannte Verhältnis zwischen Katalanen und dem Rest von Spanien beschreiben:

    Es gibt einen katalanischen Tanz, die „Sardana“, bei der die Leute einen großen Kreis bilden und gemeinsam tanzen. Der Tanz war bis zum Ende der Franco-Diktatur verboten.

    Unsere Oma (Katalanin aus der Maresma, in eine andalusische Familie eingeheiratet), hat zeitlebens mit Ihren Kindern nur Castellano gesprochen. Meine Frau hat Ihre „Muttersprache“ erst mit 16 in der Schule gelernt…

    In Spanien gibt es keine Schlangen in den Geschäften. Wenn man eine Laden betritt, fragt man einfach „wer ist der Letzte“ und dann weiß man, wann man dran ist. Einen Ältere Nachbarin hat erzählt, dass Sie diese harmlose Frage mal in Anwesenheit eines „Tricornio“ (Militärpolizist der Guardian Civil unter Franco) auf Katalanisch in den Raum geworfen hat, worauf sie mit den Worten „A mi me hablas en cristiano” von Ihm an den Haaren aus dem Laden gezerrt wurde.

    Der Spuk ist übrigens noch nicht vorbei.
    Empar Moliner, eine ziemlich bekannte Journalistin und Schriftstellerin erzählte von einer Taxifahrt in Madrid, bei der Sie mit einer Freundin per Handy telefonierte und dabei natürlich katalanisch sprach. Der Taxifahrer raunzte Sie darauf hin an, in seinem Auto wäre diese Hundesprache verboten. Sie behauptete dann, sie habe ja nur Italienisch gesprochen, womit dann des Taxifahrers Welt wieder in Ordnung war.

    Als vor einigen Tagen in Huelva Polizisten der Guardian Civil sich auf den Weg nach Katalonien machten, skandierte ein jubilierender Kordon von Passanten „A por Ellos“, was soviel wie „holt Sie Euch“bedeutet.

    Die Katalanen sind im Rest von Spanien als kaltherzige Quadratschädel verschrien. Ab und an nennt man sie auch geringschätzig die „Polacos“. Der katalanische Humor macht daraus sein eigenes Thema: es gibt eine Satiresendung namens „Polonia“, die aktuelle politische Ereignisse verballhornt – leider weitesgehend auf Katalan, weswegen die Sendung außerhalb von Katalonien weitgehend unbekannt ist. (Trotzdem lohnenswerter YouTube-Kanal, z.B. Hier: https://youtu.be/I7zOj-ANfZQ )

    Der Traum von einem besseren Staat
    Natürlich kommt immer wieder das Argument, dass „der spanische Staat uns ausraubt“. Leider ist da auch einiges dran, wenn man sich die Auswirkungen des Austeritätsprogramms der letzten Jahre auf die Infrastruktur in Katalonien anguckt. Tatsächlich sind die Kürzungen bei den Infrastrukturinvestitionen fast doppelt so hoch wie im restlichen Spanien und das merkt an an allen Ecken und Enden.

    Ein weit wichtigerer Beweggrund für die Unabhängigkeit ist aber für die meisten der „Independentistas“ der Wunsch nach einem gerechteren Staat. Sie sehen in den verknöcherten korrupten Strukturen des spanischen Zentralstaats keine Chance für eine Entwicklung mehr. Für sie ist das Leitbild der „Republica Catalana“ als ein vom Bürgerwillen getragenes egalitäres und demokratisches Projekt eine Utopie, die sie nun Realität werden lassen möchten. Dies geht quer durch die Gesellschaft und ist unabhängig von politischer Ausrichtung.
    Es wird bewusst an die Traditionen der spanischen Republik vor dem Bürgerkrieg angeknüpft. Der spanische König ist hier nur ein „Kerl, der von uns nicht gewählt wurde“ als Hinweis darauf, dass Franco Juan Carlos als Staatsoberhaupt bestimmt hat und nicht „das Volk“.

    Die Independentistas sind übrigens in Ihrer großen Mehrheit nicht antispanisch, sondern eher „Anti-Zentralregierung“ und durchaus bereit, Ihren Beitrag zur Entwicklung Gesamtspaniens zu leisten. Immerhin sind ja dank Francos Bevölkerungspolitik vielfältige Beziehungen zu den anderen spanischen Regionen vorhanden, die sich auch Niemand nehmen lassen möchte. Sie möchten eben nur bei der Verteilung des Kuchens gehört werden…

    Das erklärt auch, warum die katalanische Unabhängigkeitsbewegung nie die Mitgliedschaft des Landes in der EU in Frage gestellt hat. Leider verliert die EU gerade aufgrund ihrer Haltung, die Unabhängigkeit als „rein innerspanisches Problem“ anzusehen massiv an Kredibilität bei den Katalanen. Sie fühlen sich mit einem autistisch agierenden Zentralstaat von der EU allein gelassen.

  3. Den Namen dieses Attentäters nicht nennen zu wollen ehrt euch.

    Ich bin der festen Überzeugung das Aufmerksamkeit das Hauptmotivation eines jeden Attentäters ist.
    Ausnahme: “Wir bringen deine komplette Familie um, wenn du dich nicht in die Luft sprengst.” Aber selbst da hat der “Auftraggeber” ein hohes Interesse das dem Attentäter ein Gesicht gegeben wird.

    Es ist ein ständiger Kreislauf.
    Attentat -> Aufmerksamkeit -> Attentat -> Aufmerksamkeit ….

  4. Hallo
    Ich muss mich nochmal zum Bezahlthema äußern.
    Ich glaube Kathrin, dass Steady für euch die bequemste Lösung ist.
    Leider nicht für einige der Hörer. Ich finde es schade, euch bzw. die Wochendämmerung nicht unterstützen zu können, weil ihr nur einen Weg habt, den ich nicht gehen will.
    Komisch finde ich die Begründung, dass das Verwalten von Überweisungen zu umständlich ist.
    Die Frage ist halt, ob der Aufwand durch die zusätzlichen Einnhamen nicht gerechtfertigt wäre.
    Ob das Verwalten von zwei Podcasts (werbefinanziert und abofinanziert) einfacher ist?
    Egal, ich höre euch gerne weiter, von mir aus werbefinanziert. Wenn es zu viel wird, halt nicht mehr.
    Dann wenigstens ein warmes Danke für Eure Arbeit.

    • Mithrandir schreibt hier viel Wahres: “Die Frage ist halt, ob der Aufwand durch die zusätzlichen Einnhamen nicht gerechtfertigt wäre.” Das müsste doch der springende Punkt sein! Ich würde euch ebenfalls gerne unterstützen, aber nicht via Steady. Offensichtlich geht es da einigen Leuten so. Wär schade, wenn alleine dieser Umstand dazu führt, dass das Projektziel nicht erreicht wird!

      • hallo,
        ich antworte hier nochmal ganz kurz – aber alle weiteren Infos zum Hintergrund gibt es dann auch in der neuen Folge, die in Kürze erscheint.
        Es ist für uns eine Frage, ob wir Hunderte einzelner Eingänge verbuchen wollen – ich hab unsere Buchhalterin gefragt (das ist meine Mama) und obwohl sie auch sehr skeptisch war wegen Steady, leuchtete der Punkt ihr dann sehr schnell ein 😉
        wie gesagt: Alles weitere in der neuen Folge.
        Wenn es mit den Spenden nicht reicht, versuchen wir es eben mit Werbung und auch dafür ist steady dann die perfekte Lösung, weil ich mit sehr wenig Aufwand diejenigen, die Zahlen, mit einer werbefreien Sendung belohnen kann.
        Aber nun warten wir vielleicht alle mal ab, ob nicht auch so genug zusammenkommt. Schaut man auf den derzeitigen Abo-Stand, stimmt es doch sehr optimistisch und die Anzahl derer, die sich wegen steady rausnehmen, ist vielleicht auch einfach gar nicht so groß…
        LG
        Katrin

        • Hallo Katrin,
          obwohl ich die Argumente der Hörer gegen Steady verstehen und auch nachvollziehen kann, habe ich mich entschlossen, den Aboweg via Steady einzurichten. Auch wenn ich es normalerweise nicht gerne habe, Unternehmen, die ich nicht kenne und deswegen vielleicht auch nicht vertraue Zugriff auf mein Konto zu gewähren.

          • dankeschön! ich kenne die Macher von steady übrigens auch persönlich und vertraue ihnen 🙂

  5. Nachdem ich ja schon anderweitig und nicht spezifisch für die Wochendämmerung Geld weitergebe, möchte ich hier meine allgemeine nicht-finanzielle Unterstützung anbieten. 🙂 Wenn es also um Einschätzung, politischer oder bildungsmäßiger Natur geht, dürft ihr gerne auf mich zurückgreifen (im Rahmen dessen was ich neben dem Restleben leisten kann).

    Aufnahmeequipment etc. ist ja definitiv vorhanden… zur Not spiele ich auch den Bayernkorrespondent.

  6. … ich kann mich mithrandir da nur anschließen.
    Ich finde euren Podcast nach wie vor gut und unterstützenswert und hab mich nun schweren Herzens auch auf Steady eingelassen. Aber ein einfacher Paypal-Spenden-Knopf auf eurer Seite, den man von Zeit zu Zeit mal klicken und euch damit etwas zukommen lassen könnte, wäre ne tolle Eränzung zum Steady-Abo und für für uns Hörer ne Ganze Ecke unkomplizierter.

    Oliver

  7. Zum Waffenrecht in den USA: Der Grundgedanke des 2. Verfassungzusatzes bezog sich eben explizit nicht auf Sport- oder Jagdschützen, sondern auf Milizen zur Landesverteidigung. In dem Kontext haben automatische Waffen durchaus eine Berechtigung. Holgis Argumentation läuft somit eher ins Leere. Nach meiner laienhafter Interpretation müsste die Verfassung sogar Kriegswafffen stärker schützen als Sport-/Jagdwaffen, weil die Landesverteidigung wichtiger ist als die Jagd oder Sport.

    Unabhängig davon ist das US-Waffenrecht natürlich ein Desaster und gehört deutlich eingeschränkt.

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